Als ich die Comprehensive Rules zum Cyberpunk TCG gelesen habe, bin ich an einer Stelle hängen geblieben, die man in einem Kartenspiel so nicht erwartet: Abschnitt 7.2 regelt die Würfel, mit vier konkreten Anforderungen. Das hat einen guten Grund, und der Grund entscheidet auch darüber, welche Würfel du dir kaufen solltest. Ich hab mir das genauer angeschaut, weil ich für meine eigene Bestellung eh noch Zubehör suche.
Warum das Spiel so streng ist
Im Cyberpunk TCG gibt es keine Lebenspunkte. Du gewinnst über Gigs, und jeder Gig ist ein Würfel. Zu Beginn deines Zuges nimmst du einen Würfel aus deinem Fixer-Bereich, wirfst ihn und legst ihn mit dem Ergebnis nach oben in deinen Gig-Bereich. Da bleibt er liegen. Die Summe aller Augen ist dein Street Cred, den manche Karten als Voraussetzung abfragen. Und dein Gegner kann deine Gig-Würfel mit Angriffen stehlen, wobei er sich aussucht, welchen er nimmt.
Das heißt: Die Würfel liegen die ganze Partie offen auf dem Tisch, beide Spieler rechnen ständig mit ihnen, und beide lesen sie von der jeweils anderen Seite. Ein Würfel, dessen Wert man erst nach dem Hochheben erkennt, bremst jede Partie aus. Deshalb die Regel.
Was Regel 7.2 verlangt
Die vier Unterpunkte in Kurzform, weil ich dir die Juristensprache ersparen will:
- Du brauchst ein komplettes 6er-Set aus W4, W6, W8, W10, W12 und W20. Ein zweiter W10 für Prozentwürfe, wie er in vielen Rollenspiel-Sets liegt, stört nicht, wird aber nicht gebraucht.
- Die Würfel müssen ausgewogen sein. Also kein Billigplastik mit Luftblasen und keine Würfel, die immer dieselbe Seite bevorzugen.
- Die Zahlen auf allen Seiten müssen für beide Spieler lesbar sein.
- Liegt ein Würfel im Spiel, muss sein aktueller Wert sofort erkennbar sein. Dazu kommt der Hinweis, dass Turnierformate eigene Vorgaben machen können.
Zu Punkt 4 noch ein Stand der Dinge: Ein öffentliches Turnier-Regelwerk mit Würfelvorgaben gibt es bisher nicht. Die Organized-Play-Seite verweist nur auf die FAQ zur Melee-Plattform, und da steht nichts zu Würfeln. Metallwürfel sind damit heute nicht verboten. Ich würde sie trotzdem nicht auf eine fremde Playmat oder neben Karten ohne Hülle werfen.
Was das beim Kauf bedeutet
Aus den vier Regeln wird eine ziemlich klare Checkliste. Ich hab sie mir beim Aussuchen daneben gelegt:
- Opak statt transparent. Glitzer und durchsichtige Würfel sehen im Schaufenster gut aus, auf dem Tisch schluckt der Effekt die Ziffern.
- Kontrast. Schwarze Zahlen auf Gelb, weiße auf Schwarz. Alles, was man aus einem Meter Entfernung ohne Nachdenken liest.
- Schlichte Ziffern. Keine Schnörkelschrift, keine Symbole statt Zahlen und keine Deko, die um die Ziffer herumläuft. Bei 6 und 9 gehört ein Punkt oder Strich darunter.
- Ein W4 mit der Zahl oben. Der klassische W4 ist eine Pyramide ohne Oberseite. Je nach Hersteller liest man ihn an der Spitze oder an der Grundkante, und genau das führt am Tisch zu Rückfragen. Die „Crystal"- oder „Arch"-Bauform hat eine flache Fläche oben, da steht die Zahl drauf.
- Ein W10 mit einer 10 statt einer 0. Viele Sets zeigen die Zehn als „0". Das kennt jeder Rollenspieler, aber „sofort erkennbar" ist etwas anderes.
- Größe. 16 Millimeter sind Standard und reichen. Größere Würfel mit fetteren Ziffern sind angenehmer, aber schwerer zu bekommen.
Erstmal: Die Starter-Würfel reichen
Bevor du losläufst: In jedem Starter Deck liegt bereits ein komplettes 6er-Set, und im Prerelease Kit auch. Wer beide Decks kauft, hat also zwei Sets und kann direkt zu zweit spielen. Ich hab die Decks und das Kit je zweimal bestellt, mir liegen damit sechs Sets im Haus, und ehrlich gesagt war mir das vorher gar nicht klar.
Die Starter-Würfel sind für Turniere auch der sichere Hafen. Solange kein Format eigene Regeln aufstellt, kann dir niemand offizielles Spielmaterial vom Tisch nehmen. Ein Zukauf ist deshalb ein Upgrade für die Lesbarkeit, keine Pflicht.
Meine Empfehlungen zum Nachkaufen
Chessex Opaque in Gelb/Schwarz
Mein Favorit, aus zwei Gründen. Erstens ist es die Night-City-Farbe. Zweitens ist die Opaque-Serie seit Jahrzehnten der Standard am Rollenspieltisch: undurchsichtig, klare Ziffern, ordentlich ausgewogen und für wenig Geld zu haben. Der einzige Haken ist der klassische W4, den liest man an der Grundkante. Zum Preis in unserem Vergleich:
Wenn dir Gelb zu laut ist, nimm Schwarz mit weißen Ziffern. Gleiche Serie, gleiche Lesbarkeit, weniger Neon:
Oakie Doakie Dice RPG-Set Solid
Die Marke gehört zum deutschen Vertrieb heo, deshalb hat sie fast jeder Fachhändler im Regal. Die Solid-Reihe ist opak mit sauberen Ziffern und liegt preislich auf Chessex-Niveau. Gelb passt zum Thema, Schwarz ist die dezente Variante:
Role 4 Initiative „Large High-Visibility"
Wenn dir Lesbarkeit wichtiger ist als alles andere, sind das die Würfel, die ich nennen würde: rund ein Fünftel größer als Standard, fette Ziffern und ein Arch-W4 mit der Zahl oben. Der Haken ist die Beschaffung. Im deutschen Fachhandel gibt es sie nicht, du musst über einen britischen Würfelshop oder Amazon US bestellen. Deshalb steht das Set auch nicht in unserem Vergleich.
Die offiziellen Würfel
WeirdCo hat für die Kickstarter-Backer Premium-Würfel mit Dispel Dice gemacht, die gab es aber erst ab der 499-Dollar-Stufe. Für den Handel ist nichts angekündigt. Der Gear-Store von CD PROJEKT RED verkauft ein Zubehör-Bundle mit sechs Acrylwürfeln in Edgerunners-Gelb und Grün, Playmat und Deckbox, für knapp 175 Dollar und mit Versand im März 2027. Das ist etwas für Sammler, nicht für den Spieltisch im November.
Und die Cyberpunk-Red-Würfel von Q Workshop?
Die stehen im Fachhandel, und thematisch passen sie perfekt. Ich rate trotzdem ab. Bei den Sets sitzen die Ziffern in einer gravierten Schaltkreis-Grafik, und genau das kollidiert mit Regel 7.2.3. Am Küchentisch stört das niemanden. Bei einem Fremden im Turnier möchte ich diese Diskussion nicht führen. Das „Night City Essential"-Set ist außerdem gar kein Polyeder-Set, sondern vier W6 und zwei W10, also für das TCG unbrauchbar.
Life Counter: Für Cyberpunk keiner, für den Rest schon
Ein Punkt, der mich beim Zubehörkauf erst verwirrt hat: Für das Cyberpunk TCG brauchst du keinen Life Counter. Es gibt keine Lebenspunkte, und der Street Cred steht in Form der Würfel auf dem Tisch. Für die anderen Spiele im Regal sieht das anders aus.
Bei Lorcana liegen die offiziellen Lore-Tracker in den Zwei-Spieler-Starterdecks bei, und bei Weekly Plays gibt es Papp-Counter von Ravensburger. One Piece trackt Leben über die Life-Karten, da braucht es nichts. Für Magic, Flesh and Blood oder Riftbound am Küchentisch sind Drehscheiben mein Mittel der Wahl. Sie verstellen sich nicht, wenn jemand an den Tisch stößt, und sie zeigen den Wert für beide Seiten. Gamegenic hat ein Vierer-Set aus Acryl, das bis 21 zählt und für zwei Spieler samt Commander-Schaden reicht:
Spindown-W20 sind der Klassiker, ich nutze sie selbst seit Jahren, aber sie sind genau das, was Regel 7.2.4 meint: ein Stoß gegen den Tisch, und der Wert ist weg.
Was ich dir rate
Kauf dir Würfel, die dein Gegenüber aus einem Meter Entfernung liest, nicht die schönsten im Regal. Für den Start reichen die Sets aus Starter und Prerelease Kit. Wenn du aufrüsten willst, ist ein Chessex Opaque in Gelb/Schwarz für ein paar Euro die vernünftigste Wahl. Und falls jemand von euch ein gut lesbares Set mit Arch-W4 bei einem deutschen Händler entdeckt: Sagt Bescheid, das nehmen wir sofort in den Vergleich auf.